16-12-2018

Der Großvater unseres Autors fragte einmal: „Mein Sohn, entscheide dich mal! Bist du Deutscher oder Türke?“. Die Frage kennen sicherlich viele, aber wie lautet die Antwort? Gibt es überhaupt eine Antwort darauf? Ein Beitrag von Burak Barut.

Identität ist ein kontrovers, inflationär und mehrdeutig verwendeter Begriff, sei es im Diskurs der Politik, der Medien oder in lebhaften Diskussionen unter Familienmitgliedern. Das Meinungsspektrum darüber ist schier zu groß, um eine Festlegung als allgemeinverbindlich zu erklären. Wegen dieser Vielfalt ist es ungeeignet, die Begrifflichkeit auf eine feste Zugehörigkeit zu mehreren oder gar einer Nationalität zu reduzieren. Und dennoch ist es notwendig, die Vielfalt der Auffassungen über den Begriff der Identität für sich selber auf ein überschaubares Maß einzuengen, um in einer immer schneller ablaufenden Alltagswelt nicht unterzugehen. Denn Identität ist in meinem Verständnis als ein auf die Zukunft ausgerichtetes, handlungsanleitendes Konzept zu verstehen – sowohl für einzelne Individuen als auch für soziale Gruppen.

Die hier angeführte Definition von Identität hat zwei tragende Elemente: Die erste ist die Ausrichtung an der Zeit, d.h. Identität ist nicht ahistorisch, weil es ein vom Mensch erschaffenes Konstrukt ist. Wegen dieser historischen Bedingtheit und der daraus resultierenden Vielfältigkeit ist es notwendig, den Begriff im Plural zu verstehen und zu verwenden. So sind die Auffassungen über Identitäten geistliche Produkte aus dem Gedächtnis und der Sinneswahrnehmung eines räumlich und zeitlich bedingten Individuums und seines sozialen Zusammenhanges. An diesem Zusammenhang tritt auch das zweite Charakteristikum zum Vorschein: Identitäten wirken in einer doppelten Hermeneutik, weil sie sowohl aus Individuen als auch aus Teilen der zugehörig gefühlten Gruppen entspringen und beide Instanzen gleichermaßen beeinflussen.

Dimension von Zeit und Raum

Zeitlich äußern sich Identitäten über persönliche Zukunftswahrnehmungen. Wenn ich über meine eigene Vorstellung der Zukunft rede, offenbart das implizit einen Teil meiner Identität. Man könnte einwenden, dass Konstruktionen der Identität sich vielmehr aus dem Historischen speisen. Die Verwendung des stetigen Bezugs von Muslimen zu vergangenen Hochkulturen in Bagdad, Konya oder Andalusien sind beispielhaft dafür. Jedoch ist diese Verbindung zu Vergangenem niemals ein Selbstzweck, sondern konstituiert ihren Sinn nur mit einer Zukunftswahrnehmung. Das Lesen der Lebensgeschichte des Propheten (Sîra) ist nicht nur mit dem Umstand verbunden, dass die historische Person des Propheten interessant war. Vielmehr steckt hinter der Selektion eines Individuums, seine begrenzt verfügbare Aufmerksamkeit der Sîra zu widmen, eine bestimmte Motivation. Und diese gibt unzweifelhaft Aussagen über dessen Zukunftswahrnehmung.

„Wer bin ich?“ und „Wer sind wir?“

Jede menschliche Handlung hat neben diesem Zeitbezug auch eine räumliche Verortung. Sie kann zwar losgelöst vom Raum artikuliert, aber nicht umgesetzt werden. Eine Äußerung wie in etwa „Ich will ein Professor werden“ wird bei einer etwaigen Verwirklichung zwangsweise mit der Lokalität einer akademischen Einrichtung/einer Universität verbunden. Somit kann als erste Eigenschaft festgestellt werden, dass Identitäten Aussagen über Zukunfts-wahrnehmungen mit einem vagen Raumbezug sind.

„Wer bin ich?“ und „Wer sind wir?“

Das zweite Merkmal ist die Unterteilung des Prozesses von Identitätsbildungen in eine persönliche und kollektive Ebene. Diese Ebenen können mit den Fragen „Wer bin ich?“ und „Wer sind wir?“ verbildlicht werden. Diese Differenzierung ist unerlässlich, da für die Entstehung von Identitäten keinesfalls nur die eigene Rolle der Individuen gewichtig ist. Den Fortbestand und eine besonders steigernde Wirkungsentfaltung erfahren Identitätskonstruktionen bei einer Entsprechung im Kollektiven.

Auch die Identitätsvorstellung von Muslimen lässt sich auf einer individuell-persönlichen (mikroskopisch) und kollektiven Ebene (makroskopisch) abbilden. Die makroskopische Ebene konstruiert dabei gemeinsame Wahrnehmungen über umfassende und großmaßstäbige Zeit und Raumdimensionen. Beispielsweise bemessen Muslime als soziale Einheit der Nacht der Bestimmung (Kadr-Nacht), dem Tag des Arafats oder dem Freitag eine übergreifende Bedeutung zu.

Der Glaube an das Jenseits und den Tag des Jüngsten Gerichts sind die abstraktesten und daher umfassendsten Vorstellungen der muslimischen Zeitvorstellung. Hinsichtlich der Lokalitäten verhält es sich ganz ähnlich: Es gibt keinen Muslim, der die theoretische Sinnlichkeit der Kaaba in Mekka oder die Aksa-Moschee in Jerusalem verkennen würde. Dieses kollektive Gedächtnis macht die Muslime in einer makroskopischen Betrachtung zu einer sozialen Einheit und generiert ohne jegliches zutun eines Individuums in seinem Sozialisierungsprozess eine Wir-Identität.

Diffiziler wird es in der mikroskopischen Perspektive, da hier nicht mehr von einer homogenen Einheit der Muslime ausgegangen werden kann. Diese Ebene resultiert aus dem persönlichen Handlungsalltag eines jeden Menschen. In dieser Dimension ist die abstrahierte Trennung von Raum und Zeit kaum möglich, weil Handlungen in einem stetigen Handlungskontinuum wirken. Der Ort, an dem ich bin, in dem Hier, bestimmt auch maßgeblich wie ich meine Zeit, das Jetzt, nutze. Die ständige Selektion der persönlichen Raum-Zeit-Präsenz und der Wahrnehmung davon, sei es mit der Familie, in der Nachbarschaft und gar in der lokalen Moschee- und Bürgergemeinde geben Auskunft über die Frage „Wer bin ich?“. Vor allem diese handlungsaktive Ebene erfordert im großen Unterschied zum kollektiven Gedächtnis eine bewusste und wissentliche Auseinandersetzung und Reflexion des Individuums.

Groß denken, klein handeln

In meiner Auffassung dürfen wir als Muslime eben diese kleinmaßstäbige Perspektive nicht vernachlässigen, denn diese Ebene bietet von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag die Chance, unseren höchst individuellen Charakter in einem muslimischen Kollektiv einbetten zu können. Es ist überaus wichtig zu verstehen, dass sich ein Individuum im Alltagsleben nicht ständig vom zeitlich sowie räumlich entfernt gelegenen „Wir“- Narrativ speisen kann. Jeder Mensch braucht greifbare Gedächtnisstützen in einem berührbaren, nahen und kontinuierlichen Alltagsumfeld.

Es ist daher essentiell, Brücken zwischen den makroskopisch-abstrakten Kollektivwahrnehmungen und den individuellen Handlungsfeldern zu bauen. Konkret bedeutet dies für einen Muslim, dass die emotional empfundene Sinnlichkeit zur Kaaba oder zur Sîra auf die Handlungswirklichkeit in ein Europa des 21. Jahrhunderts adaptiert werden muss. Weiter in meiner Person aufgebrochen sind – trotz Spannungsfelder – Anknüpfungspunkte zwischen meinem Umfeld und den Realitäten von Moscheegemeinden aufzusuchen. Diese Adaption erfordert für einen Muslim eine aufrichtige Anstrengung mit seinen konstituierenden Wahrnehmungsmustern, die sowohl im Physischen (alltäglich) als auch im Metaphysischen (abstrakt) verankert sind. Diese adaptive Transferaufgabe zwischen differenziert wahrnehmenden Menschen(gruppen) bewegen das Individuum zu einer ständigen Suche und machen die Festlegung einer einzigen Identität unmöglich.

Auf die eingangs eingebrachte Frage meines Opas sagte ich deshalb: „Opa, ich weiß es nicht. Ich suche ständig nach einer Antwort. Was ich aber aus dem Suchprozess weiß, ist, dass mein Ausgangs- und Endpunkt dieselben sind. Ich bin vorerst, letztendlich und in erster Linie ein Muslim, der stetig bemüht ist, sein erlangtes Wissen in ein selbstbewusstes Alltagshandeln zu formen.“

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